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Foto: Rainer Rettinger

Dem Ruhri sein Perspektivplan

Reaktion auf den Perspektivplan II-Beitrag von Prof. Dr. Hartmut H. Holzmüller: „Marketing-Strategien für die Kulturmetropole Ruhr“

Wer sind wir, fragt man sich, wenn man den Perspektivplan II-Beitrag von Prof. Holzmüller liest. Unter der Überschrift „Marketing-Strategien für die Kulturmetropole Ruhr“ doziert Holzmüller über den Ruhrmenschen. Er sei verhockt, unbeweglich, im Grunde genommen dauersubventioniert und ewig jammernd. Klingt traurig. Ein weiterer Ansatz aber scheint vielversprechend: die Bewohner sollen sich nicht mehr als Dortmunder, Essener oder Bochumer sehen, sondern als Ruhri! Eine gute Idee, doch in den darauffolgenden Sätzen wird die aufkommende Euphorie gebremst. Mit diesem Begriff assoziiert man eher Atze Schröder und Minipli, Mantafahrer und Goldkettchen. In fett gedruckt liest man weiter: Der Begriff „Ruhri“ stellt eine Selbstverniedlichung dar, um nicht zu sagen Infantilisierung, die entschieden abgelehnt werden muss. Klare Worte eines Professors! Modisch, oberflächlich, „Tandaradei-Kultur“, so das professorale Fazit. Eine Lösung aber bietet der Marketingstratege und Lehrstuhlinhaber der Universität Dortmund nicht an. Also stellt sich die Frage: Wer gibt dem Ruhrgebietler, dem Rhein-Ruhr-Metropolit, dem Eisenheimer, Borbecker oder Bueraner, eine übergreifende Identität? 2010 sind wir Kulturhauptstädtler zumindest für ein Jahr! Aber danach? Wie nennen wir uns dann?

Mein Freund ist ein Hamburger, meine Frau eine Kalifornierin! Doch wer bin ich? Rheinländer, Westfale oder Ruhri? Das Wort Ruhri auf Atze Schröder oder Minipli zu reduzieren, ist eine sehr einseitige Sicht. Wie der gesamte Ansatz überinterpretiert scheint. Hier ist mehr Objektivität gefragt in der – auch professoralen – Beurteilung. Was machen wir mit den Bekennern wie Asli Sevindim, Direktorin der Ruhr2010 GmbH (trägt kein Minipli), die in einem Spiegel-Interview vom 22. August 2007 bekannte: Ich bin einfach Ruhri. Auch der Geschäftsführer der Ruhr.2010 GmbH, Dr. Oliver Scheytt (fährt keinen Manta), bekannte in einem Interview mit dem ungarischen Kulturmagazin MAGYAR NARANCS: Ich bin ein Ruhri! Die Liste der Menschen des Ruhrgebiets, die sich stolz als Ruhris bezeichnen, könnte hier endlos fortgesetzt werden. Wer also ist dieser Ruhri, von dem Holzmüller sagt, er sei Tandaradei-Kultur?

Bodenständigkeit ist das, was den Ruhri schon immer ausgezeichnet hat. Mit einer entwaffnenden Offenheit ausgerüstet, deren direkte Sprache mancher Nichtruhri als unhöflich oder gar frech empfindet. Doch damit tut man dem Ruhri unrecht. Er ist schlicht ehrlich und sagt in der Regel ohne Umschweife was er denkt – ob das dem Gegenüber passt oder nicht. Insgesamt ist die Art der Kommunikation im Ruhrgebiet ebenso gewöhnungsbedürftig wie liebenswert. Chronisches Konsonantenverschlucken („Doatmund“) gehört genauso dazu wie Formulierungen a lá „Und ich sach´ für Jaqueline…“ (sprich: Jackeline). Wer sich jedoch über diese regionale sprachliche Besonderheit aufregt - die alles andere als hochgestochen klingt – darf eines nicht vergessen: „wat“ und „dat“ gibt es auch in Berlin an jeder Ecke zu hören.

Fußball ist für viele Ruhris Religion. Im Pott ist man wirklich Fan. Vor Ort spielen Regional- und Nationalspieler, hier hat man eine Dauerkarte, begleitet die Mannschaft zu allen Auswärtsspielen, lässt Dampf ab und nennt vielleicht seinen Sohn nach dem Mittelfeldregisseur seines Vereins. Und hat mindestens einen Tag schlechte Laune, wenn der eigene Klub verloren hat. Dann hilft nur noch ein Besuch in der Stammkneipe umme Ecke. Direkt umme Ecke stehen auch die Industriedenkmäler und Landmarken – Orte mit einer unvergleichlichen Atmosphäre. Ideale Kulturkulisse. In alten Fabrikhallen finden Konzert- oder Theateraufführungen statt. Strukturwandel par excellence. 2010, wenn das Revier für ein Jahr Kulturhauptstadt Europas ist, gibt’s dann noch mehr Kultur: Ideen aus ganz Europa sollen - entlang der Emscher und des Hellweg - Brachland in individuell gestaltete Räume verwandeln. Ein Fliegendes Rathaus beispielsweise - mobiles Architekturobjekt – soll durch die Region düsen, Stollen und Flöze aus aktiven Bergbauzeiten sollen an ausgewählten Stellen für die Kunst geöffnet werden. Und mittendrin: der Ruhri. Keineswegs „infantil“ wird er dann ganz Europa beweisen, wie gastfreundlich, offen, teils liebenswert verschroben und in jedem Fall einzigartig er ist. Dem Ruhri sein Perspektivplan eben. Ich jedenfalls bleibe dabei: Ich bin ein Ruhri.2010! Apropos: wer sich mit Wörtern wie Tandaradei-Kultur sprachlich im Mittelalter bewegt, dem spricht man die Kompetenz moderner Wortschöpfungen ab.

 


Sonntag, den 01 November 2009 09:28